Ohne Scheuklappen

Mit dem Green Deal will die EU vor­angehen, um die Emission von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 auf null zu senken. Ist dieses Ziel auch global erreichbar? Für Lino Guzzella ist das nicht realistisch. Der Professor für Thermo­tronik zweifelt keineswegs an den verfügbaren Technologien. Aber er stellt infrage, ob wir die ökonomischen und politischen Randbedingungen richtig einschätzen.

Aufgezeichnet von: Robert Habi

Netto-Null: Damit bezeichnet die EU ihren Green Deal, die Emission von Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 bilanziell zu stoppen. Wer diese Mammutaufgabe einordnen will, der muss dorthin schauen, wo der Klima­wandel stattfindet: auf den gesamten Erdball. Die Menschheit nutzte im Jahr 2020 zu mehr als 80 Prozent Kohle, Öl und Gas als Primärenergieträger. ­Solarenergie und Windkraft machen global noch immer nur wenige Prozent aus. In nicht einmal 30 Jahren wollen wir den Energieverbrauch, der sich seit 1950 mehr als verfünffacht hat, ohne fossile Quellen decken.

Von den heute knapp acht Milliarden Menschen leben gut drei Milliarden in Wohlstand. Alle übrigen – und die zwei Milliarden, die bis 2100 noch dazu kommen – haben ebenfalls ein Recht darauf. Das unterstreichen zwei der siebzehn UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung. Doch weil Wohlstandswachstum ­Energie braucht und damit zunächst noch an höhere Emissionen gekoppelt ist, wird es nicht möglich sein, bis 2050 klimaneutrale Energie für alle zu erzeugen. Wir müssten dafür die CO2-Emissionen pro Kopf und Jahr fünfmal stärker senken als in den letzten 20 Jahren. Das würde an Zauberei grenzen. Deshalb sollten wir deutlich sagen: Es wird länger dauern und teurer werden, als wir heute denken.

Wenn wir uns nicht auf das Jahr 2050 fixieren, gibt es Gutes zu vermelden: Wir können langfristig fossile Quellen durch erneuerbare Energien ersetzen – zusammen mit grünem Wasserstoff als Rohstoff für die Stahlindustrie, als Treibstoff für lange Transport­wege oder als Speicher. Auch Technologien wie Kraft-Wärme-Kopplung und eine weitere Steigerung der Energieeffizienz können helfen. Die technischen Lösungen sind verfügbar und funktionieren.

Lino Guzzella

Lino Guzzella (64) ist Professor im Departement Maschinenbau und Verfahrenstechnik der ETH Zürich. Der schweizerisch-italie­nische Maschinenbauingenieur forscht seit Jahrzehnten an der Optimierung von Energiewandlungssystemen.

Zeit und Geld

Doch wir benötigen enorme Mengen an erneuer­barem Strom in den einzelnen Sektoren wie Industrie, Wärme oder Verkehr. Außerdem muss für eine stabile Stromversorgung die weltweite Energie- und Netzlandschaft massiv ausgebaut werden. Das geht nicht von heute auf morgen, es wird Zeit brauchen.

Hinzu kommt: Der Wandel muss bezahlbar sein, sonst wird er schlichtweg nicht passieren. Eine Studie von Goldman Sachs rechnet vor: Mehr als 60 Prozent der Kohlenstoffdioxid-Emissionen lassen sich zu einem Preis von weniger als 100 US-Dollar pro Tonne CO2 reduzieren. Darunter sind auch für Klimaaktivisten unpopuläre Wege wie zum Beispiel, Kohlekraftwerke im Asien-Pazifik-Raum durch effiziente Gasturbinen­kraftwerke zu ersetzen. Das reduziert deren CO2-Ausstoß schnell um die Hälfte. Weitere, vergleichsweise schnell umsetzbare Maßnahmen sind die Wärmeisolierung von Gebäuden und die Steigerung der Energieeffizienz durch Sensoren, Regeltechnik und Automatisierung, was ganz nebenbei noch Geld spart. Verfolgen wir diese Wege zuerst! Die Mobilität zu elektrifizieren oder die Industrie klimaneutral zu gestalten ist demgegenüber um ein Vielfaches teurer.

„Der Wandel muss bezahlbar sein, sonst wird er schlichtweg nicht passieren.“

Lino Guzzella



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Um schneller und kostengünstiger in Richtung Netto-Null zu kommen, sollten wir die Strategie anpassen. Es gilt, ohne Scheuklappen die Vielzahl an Tech­nologien zu verfolgen. Es gilt, auch abseits der Stromwirtschaft Emissionen einzusparen. Und es gilt, Möglichkeiten wie das Speichern oder Abscheiden von CO2 aus der Atmosphäre konsequent zu erforschen und anzuwenden.

Die wichtigste Aufgabe der Politik sehe ich nicht im Vorschreiben von Technologien, sondern im Aushandeln eines globalen Preises für Treibhausgase. Denn die weltweite Herausforderung des Klimawandels lässt sich nur weltweit lösen. Ein Vorpreschen Europas hätte für die dortige Industrie einen Wettbewerbsnachteil zur Folge und würde ironischer­weise genau diejenigen Unternehmen bestrafen, die besonders viel für den Klimaschutz tun. Eine global faire und wirkungsvolle Lösung finden wir nur dann, wenn alle ökonomischen Schwergewichte mit gleicher Kraft mitziehen. Wenn wir technologieoffen bleiben und Kosten und Nutzen ehrlich gegeneinander abwägen, dann ist die Erderwärmung in Grenzen zu halten. Doch den Mut für einige unbequeme Wahrheiten müssen wir aufbringen.

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