Gemeinsam wachsen

Die Anlagen des Schweizer Unternehmens Climeworks entfernen Kohlendioxid aus der Luft. Dass sie schnell immer leistungsstärker und günstiger werden, liegt auch an hochpräzisen Prozessdaten.

Text: Christine Böhringer
Fotografie: Benjamin Hardman, Climeworks
Die Anlagen des Schweizer Unternehmens Climeworks entfernen Kohlendioxid aus der Luft

Für Katrín Jakobsdóttir war klar: „Das ist ein Meilenstein im Kampf gegen den Klimawandel.“ Die isländische Premierministerin eröffnete im Herbst 2021 auf der Insel in Hellisheiði, einer Hochebene östlich von Reykjavík, Orca. So nennt sich die derzeit weltweit größte Anlage, die CO2 direkt aus der Luft filtern und speichern kann.

Entwickelt hat die Anlage und die dahinterstehende Direct Air Capture Technologie das Schweizer Unternehmen Climeworks. Sie besteht aus einzelnen stapelbaren Kollektoren in der Größe von Containern, die über Ventilatoren die Luft ansaugen und dann in ihrem Innern das CO2 chemisch an Filter binden. Sobald die-se gesättigt sind, werden sie auf etwa 100 Grad Celsius erhitzt – die CO2-Moleküle lösen sich und werden mit Unterdruck aus den Kollektoren entfernt. Die für den Prozess nötige Energie ist grün und wird von einem nahen Geothermie-Kraftwerk geliefert. Das Treibhausgas wird vor Ort vom isländischen Unternehmen Carbfix dann mit Wasser vermischt und rund 1.000 Meter in die Tiefe gepumpt, wo es in weniger als zwei Jahren versteinert.

 

Die Anlagen des Schweizer Unternehmens Climeworks entfernen Kohlendioxid aus der Luft

Das Geothermiekraftwerk Hellisheiði liefert die für den Abfangprozess nötige grüne Energie.

Die Direct Air Capture Anlage Orca von Climeworks fängt jährlich bis zu 4.000 Tonnen CO2 aus der Luft ein.

Die Direct Air Capture Anlage Orca von Climeworks fängt jährlich bis zu 4.000 Tonnen CO2 aus der Luft ein.

Das Unternehmen Carbfix pumpt das mit Wasser vermischte CO2 in die Tiefe, wo es versteinert.

Das Unternehmen Carbfix pumpt das mit Wasser vermischte CO2 in die Tiefe, wo es versteinert.

Die Anlage fängt jährlich bis zu 4.000 Tonnen Kohlendioxid ein. Das ist im Vergleich zu den rund 35 Milliarden Tonnen CO2-Ausstoß weltweit sehr wenig. Doch: Laut Weltklimarat lässt sich die Erderwärmung nur dann auf 1,5 Grad begrenzen, wenn es zu negativen Emissionen kommt, der Atmosphäre also CO2 dauerhaft entzogen wird. „Ohne das Abscheiden, Nutzen und Lagern des Gases sind die Klimaziele nicht erreichbar“, betont Arjan van Ginkel, Branchenmanager für Öl, Gas und Chemie bei Endress+Hauser Niederlande.

Messgeräte für jede Anforderung

Climeworks hat zudem seine Technologie in den vergangenen Jahren schnell weiterentwickelt. Die erste große Anlage, die seit 2017 in der Schweiz läuft, schafft jährlich nur 900 Tonnen. Dass das Unternehmen den Prozess so rasant verfeinern konnte, liegt auch an Endress+Hauser. „Nicht nur die weltweit rund 15 Direct Air Capture Anlagen, sondern auch die Testanlagen bei Climeworks sind mit unseren Geräten ausgestattet“, sagt Endress+Hauser Verkaufsingenieur Francesco Cali. Climeworks profitiert dabei vom umfangreichen Portfolio: „Um die Prozesse besser zu verstehen und die Wirkungsgrade zu erhöhen, braucht es hochpräzise Messungen. In den Anlagen selbst kommt es auf robuste Geräte an, die auch sehr wechselhaften und extremen Witterungsbedingungen standhalten. Wir können jede Anforderung des Kunden mit unseren Produkten zusammenführen und wachsen gemeinsam“, sagt Francesco Cali.

Skalierung in schnellen Schritten

Auch das nächste größere Projekt plant Climeworks mit Unterstützung von Endress+Hauser. Gleichzeitig will das Unternehmen den Preis pro abgeschiedener Tonne CO2 deutlich senken. Noch ist er relativ hoch, denn die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre ist viel niedriger als etwa im Strom von Rauchgasen und das Abscheiden entsprechend aufwendiger und energieintensiver. Doch Climeworks gibt sich optimistisch: Bis 2040 soll der Tonnenpreis zwischen 100 und 200 Dollar liegen – und schon heute setzen Unternehmen wie die Boston Consulting Group, Square oder Microsoft auf Verträge mit Climeworks, um ihre Klimaziele in Zukunft zu erreichen.

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