„Die Familie muss sich aktiv engagieren“

Die Familie Endress steht vor einem Generationenwechsel. Wie will die wachsende Gesellschafterfamilie das Unternehmen in Zukunft prägen? Und wie kann die junge Generation in ihre Verantwortung hineinwachsen? Darüber sprechen die neue Verwaltungsrätin Sandra Genge und CEO Matthias Altendorf.

Fragen: Martin Raab
Fotografie: Andreas Mader
Genge und Altendorf

Die Corona-Pandemie ist noch nicht überwunden; mit dem Krieg in der Ukraine ist die nächste Krise dazugekommen. Hat dies Ihren Start als Verwaltungsrätin überschattet, Frau Genge?

Genge: Beide Ereignisse machen mich persönlich sehr nachdenklich. Sie zeigen uns, wie fragil unsere Welt ist. Das sind wir, die Generationen der Nachkriegszeit, nicht gewohnt; wir sind ja sehr behütet aufgewachsen. Meinen Start haben die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine nicht überschattet. Im Gegenteil, es sind schwierige und wichtige Fragen im Verwaltungsrat debattiert worden. Wir zeigen, was wir als Familienunternehmen anders machen können als andere Unternehmen.

 

Nämlich?

Genge: Als Familienunternehmen steht bei uns nicht der kurzfristige ökonomische Erfolg im Fokus. Für uns ist nachhaltiger Erfolg wichtig, der allen Stakeholdern dient – also auch unseren Mitarbeitenden, Kunden und Geschäftspartnern. Wir stellen uns auch in schwierigen Zeiten unserer Verantwortung.

Altendorf: Weil wir auch in guten Zeiten solide wirtschaften, steht Endress+Hauser auf einem stabilen Fundament. Unser Geschäft ist breit abgestützt über Regionen und Branchen; wir sind nicht von einzelnen Märkten abhängig. Wir verfolgen langfristige Ziele und teilen starke Werte. Wir haben Kunden, die sich auf unsere Unterstützung verlassen, und Mitarbeitende, die sich für unsere gemeinsamen Ziele engagieren. Und wir haben Gesellschafter, die uns vertrauen, dass wir auch in schwierigen Situationen das Beste für Endress+Hauser erreichen.

Vertreterin der jungen Generation

Sandra Genge ist seit 2022 Verwaltungsrätin der Endress+Hauser Gruppe; seit 2006 vertritt sie die jüngere Generation im Familienrat, einem Bindeglied zwischen Gesellschafterfamilie und Unternehmen. Die Medienwissenschaftlerin und eidgenössisch diplomierte Marketing- und Kommunikationsleiterin arbeitet als selbstständige Design- und Kommunikationsberaterin. Ein Schlüsselerlebnis für die Enkelin des Firmengründers war die Moderation der 60-Jahr-Feier von Endress+Hauser in Basel: „Als ich in die Gesichter von über 5.000 Mitarbeitenden geblickt habe, ist mir bewusst geworden, welche Verantwortung wir als Gesellschafterfamilie tragen – und dass wir alles dafür tun müssen, dieser Verantwortung gerecht zu werden.“ Sandra Genge (Jahrgang 1977) ist Mutter dreier Kinder. Ausgleich gibt ihr das Joggen in der Natur. Seit ihrer Kindheit findet sie Inspiration und Entspannung beim Reisen – früher oft mit ihrem Großvater, heute mit der Familie. „Reisen öffnet den Geist und das Herz. Es lehrt Respekt vor anderen Menschen, Kulturen und Religionen. Wie Mark Twain sagte: ,Man muss reisen, um zu lernen.‘ “

Interview

Sandra Genge und Matthias Altendorf

Interview Altendorf Genge

Sie vertreten im Verwaltungsrat die Interessen der Gesellschafterfamilie, Frau Genge. Worin bestehen diese Interessen?

Genge: Das lässt sich kurz und knapp auf den Punkt bringen: Das Hauptinteresse der Familie Endress liegt darin, dass Endress+Hauser ein erfolgreiches Familienunternehmen bleibt. In diesem Zusammenhang sind mir und der ganzen Familie die Werte und die Kultur des Unternehmens – der „Spirit of Endress+Hauser“ – sehr wichtig. Sie sind ein Differenzierungsfaktor und tragen zum Erfolg bei. Es ist meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass wichtige Entscheidungen diesen Werten entsprechen.

 

Die Familie wächst, die zweite Generation tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch?

Altendorf: Bislang war die zweite Generation sehr prägend. Vier Söhne und eine Tochter von Alice und Georg H. Endress haben im Unternehmen gearbeitet. Klaus Endress war viele Jahre CEO der Gruppe. Heute ist er Verwaltungsratspräsident und auch Präsident des Familienrates. Urs Endress nimmt immer noch Aufgaben als Ambassador wahr. Aus der dritten Generation ist heute nur Steven Endress operativ tätig, der unsere Geschäfte in Großbritannien führt. Und nun ist Sandra Genge, ebenfalls eine Enkelin unseres Firmengründers, in den Verwaltungsrat eingetreten. Wir müssen jetzt daran arbeiten, dass sich noch mehr Menschen aus der Familie auf lange Sicht im Unternehmen engagieren.

Genge: Wenn weniger Familienmitglieder auf operativer Ebene arbeiten, schwindet der direkte Einbezug. Daraus ergeben sich Herausforderungen beim Austausch zwischen Familie und Unternehmen und beim Transfer von geschäftlichem Know-how.

 

Know-how im Sinne von Einblicken, Information, Verständnis?

Genge: Genau. Die Firma hat sich über die Zeit stark professionalisiert; wir als wachsende Unternehmerfamilie müssen uns ebenfalls professionalisieren. Das hat die Familie erkannt. Deshalb haben wir 2006 die Familiencharta geschaffen mit ihren Grundsätzen, Regeln und Institutionen. Diese Institutionen ermöglichen genau diesen Austausch und Informationsfluss. Die Charta ist ein wichtiges Element, um ein erfolgreiches Familienunternehmen zu bleiben.

„Mir und der ganzen Familie sind die Werte und die Kultur des Unternehmens – der ‚Spirit of Endress+Hauser‘ – sehr wichtig. Sie tragen zum Erfolg bei.“

Sandra Genge

Verwaltungsrätin der Endress+Hauser Gruppe

Sandra Genge

Was ist für den Fortbestand des Familienunternehmens nötig?

Genge: Vonseiten der Familie ist es wichtig, dass sich auch in Zukunft Mitglieder aktiv im Unternehmen engagieren. Dabei geht es nicht nur um Mitarbeit im klassischen Sinn, also um operative Verantwortung. Wir haben verschiedene Gremien, Institutionen und andere Möglichkeiten, wie sich die Familienmitglieder einbringen können. Dieses Engagement stärkt die Identifikation und Verbundenheit der Familie mit dem Unternehmen. Außerdem müssen wir als Familie ein gutes Miteinander leben, uns einig sein, um Unruhe und Streit vom Unternehmen fernzuhalten.

Altendorf: Die Familie bringt Werte, Wärme, Wissen und Erfahrung ein – sowie Kapital. Deshalb ist wirtschaftlicher Erfolg die Grundvoraussetzung für den Fortbestand des Unternehmens. Die Gesellschafterfamilie sorgt darüber hinaus für Stabilität. Gerade in einem hoch kreativen und innovativen Umfeld sind Sicherheit, Verlässlichkeit und Zusammenhalt unbezahlbar. Das waren in den vergangenen 70 Jahren wichtige Elemente unseres Erfolgs und sie werden es auch in der Zukunft sein. Endress+Hauser besteht nicht nur aus einer Bilanz, Gebäuden und Anlagen. Ein Unternehmen ist immer ein soziales System.

 

In der Familiencharta steht, dass die Gesellschafterfamilie „weiterhin prägend auf das Unternehmen einwirken“ will. Wie soll das gelingen?

Genge: Zum Beispiel über die Mitarbeit von Familienmitgliedern im Unternehmen. Das haben wir als eines der Ziele in unserer Familiencharta formuliert. Familienmitglieder können seit einigen Jahren auf allen Ebenen bei Endress+Hauser tätig werden. Dafür sind Eignung und Fähigkeiten wichtig. Für höhere Positionen haben wir genau festgehalten, welche Qualifikationen Familienmitglieder mitbringen müssen – wir wollen, auch zum Schutz des Unternehmens, nur die am besten geeigneten Menschen auswählen.

Altendorf: Unser Gründer hat das Unternehmen durch seine Persönlichkeit und seine Art zu führen geprägt – und durch die Auswahl von Menschen. Die zweite Generation hat dies ebenfalls getan. Heute ist die Mitwirkung der Familie stärker institutionalisiert. Aber Familie und Unternehmen stehen in ständigem Austausch, und auch die Familie stimmt sich immer wieder ab. Neben dem Verwaltungsrat, in dem Klaus Endress und Sandra Genge die Familie vertreten, gibt es einen Familienrat, die Gesellschafterversammlung sowie die Familien-Generalversammlung. Die Familie wirkt über die strategischen Entscheidungen, die sie trifft – und eben über die Wahl der Menschen, die das Unternehmen führen. Außerdem ist die Familie bei vielen Anlässen und Feierlichkeiten vertreten. Damit zeigt sie Einigkeit, Zugehörigkeit und den Stolz auf das, was Unternehmen und Familie gemeinsam erreicht haben.

Enge Bindung ans Unternehmen

Matthias Altendorf ist seit 2014 CEO der Endress+Hauser Gruppe. Seine Karriere im Unternehmen begann er mit einer Ausbildung zum Mechaniker, an die sich Studium, Auslandsaufenthalt und Weiterbildung anschlossen. Bereits als Lehrling faszinierte ihn der Geist des Familienunternehmens. Den Firmengründer erlebte er als nahbaren Chef. „Einmal haben wir Lehrlinge mit dem Zug einen Ausflug nach Locarno unternommen. Georg H. Endress war mit dabei und hatte seinen Spaß. Er wusste: Die Jungen sind die Zukunft. Das Wachsen von Menschen war ihm wichtig.“ Matthias Altendorf (Jahrgang 1967) ist verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohnes. Ausgleich findet er beim Segeln, im Schachspiel, auf dem Motorrad und bei der Waldarbeit. Reisen, Kunst und Lesen sind weitere Hobbys.

Was tun Sie, um junge Familienmitglieder für eine Mitarbeit im Unternehmen zu gewinnen?

Genge: Wir versuchen ganz gezielt, die junge Generation ans Unternehmen heranzuführen. Für alle Familienmitglieder zwischen 16 und 35 Jahren gibt es das Familiencamp. Das Programm dort ist ein Mix zwischen Wissensvermittlung und ungezwungenem Miteinander. Wir besichtigen Produktions- und Vertriebsgesellschaften, besuchen Kunden und sehen unsere Produkte im Einsatz. Manchmal legen wir auch selbst Hand an: Einmal sind wir mit Minibussen quer durch die Schweiz gefahren und haben an verschiedenen Stellen die Wasserqualität des Rheins gemessen.

Altendorf: Auch beim Familientag versuchen wir, alle Familienmitglieder zu versammeln, damit sie sich besser kennenlernen und gemeinsam etwas erleben. Eigentümerin oder Eigentümer eines Unternehmens zu sein, macht viel Freude. Aber es bedeutet auch Verantwortung, denn Eigentum verpflichtet. Wir müssen dieser Verantwortung ein wenig die Bürde nehmen und den Nutzen und den Gemeinsinn in den Vordergrund stellen. Mit der Mitarbeit im Unternehmen können wir etwas bewirken, das größer ist als wir selbst. Das gilt für Mitarbeitende ebenso wie für Familienangehörige. Wenn wir diese Freude wecken, dann bin ich sicher, dass wir auch die nachfolgenden Generationen begeistern können!

 

Und was, wenn dies nicht gelingt?

Genge: Das ist keine Option!

Altendorf: In der operativen Führung der Gruppe sind zurzeit keine Familienmitglieder vertreten. Aber wir haben in der dritten Generation eine ganze Reihe von Personen, die Interesse am Unternehmen haben, die sich engagieren. Solche Phasen wird es immer wieder geben. Deshalb müssen wir Menschen finden für Executive Board, Verwaltungsrat und Geschäftsleitungsebene, die den unternehmerischen Geist und die Werte der Familie teilen und im täglichen Tun zum Leben erwecken. Und an den entscheidenden Stellen muss die Familie prägend wirken.

Genge: Ich bin sehr optimistisch, dass uns das auch in Zukunft gelingen wird. Die Familie ist für die Menschen im Unternehmen weiterhin sichtbar und greifbar. Und dass wir alle Unternehmensebenen für eine Mitarbeit geöffnet haben, wirkt in beide Richtungen. Zwei meiner Cousinen haben kürzlich Praktika bei Endress+Hauser Firmen absolviert – und ich glaube, ich kann sagen, dass nicht nur die beiden jungen Frauen begeistert waren!

„Wir müssen Menschen finden für Executive Board, Verwaltungsrat und Geschäftsleitungsebene, die den unternehmerischen Geist und die Werte der Familie teilen.“

Matthias Altendorf

CEO der Endress+Hauser Gruppe

Matthias Altendorf

Wie wichtig ist für Sie als CEO die Gesellschafterfamilie – und dass Endress+Hauser ein Familienunternehmen ist?

Altendorf: Mir persönlich ist es äußerst wichtig, in einem Unternehmen zu arbeiten, dessen Werte ich teile. Als CEO lebe ich vom Vertrauen, das mir die Familie schenkt. Die Familie vertraut mir und dem Management das Unternehmen mit all seinen Mitarbeitenden und Vermögenswerten an; wir versuchen, vernünftig mit diesem Unternehmen umzugehen und es erfolgreich weiterzuentwickeln. Es ist wichtig, zur jüngeren Generation ebenfalls ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dazu muss man miteinander arbeiten, voneinander lernen und einander zuhören.

 

Wie erleben Sie die Gesellschafter und die Einflussnahme der Familie im Unternehmen?

Altendorf: Dank des Vertrauens der Familie habe ich Einblick in alle ihre Institutionen und Gremien. Das nützt beiden Seiten. Wir erarbeiten im Dialog eine gemeinsame Richtung, wohin wir das Unternehmen langfristig weiterentwickeln wollen. Diese Wechselwirkung ist für jedes Familienunternehmen anspruchsvoll. Bei börsennotierten Firmen sind die Rollen klar verteilt; im Familienunternehmen braucht es dafür Fingerspitzengefühl und gegenseitiges Verständnis. Aber dieses Zusammenspiel macht uns erfolgreicher als andere Unternehmen, denn der ständige Dialog führt zu besseren, zu nachhaltigen Entscheidungen.

Genge: Es ist wichtig, dass wir als Gesellschafter dem Management unternehmerischen Freiraum lassen. Nur so kann Endress+Hauser weiterhin erfolgreich unterwegs sein.

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